Biedermeier und Vormärz im alten Landkreis Aachen

Neuere Geschichte 1815 - 1847

Karl Eduard Biermann: Borsig's Maschinenbauanstalt. Berlin 1847. Öl auf Leinwand, 110 x 116,5 cm
"Borsig's Maschinenbauanstalt", 1847
Gemälde von Karl Eduard Biermann, Contumax/Yorck Project

Die Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Märzrevolution 1848/49 gehört zu den spannungsreichsten der deutschen Geschichte: Immens beschleunigte politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungsprozesse in einem Klima von Verfolgung und Unterdrückung und Not stießen auf starke Beharrungskräfte und schließlich auch auf das "umhergehende Gespenst des Kommunismus" (Karl Marx/Friedrich Engels, 1848). "Aufbruch aus der Behaglichkeit" (Gerhard Schildt, 1989) oder "Ende der Wildnis" (Rainer Beck, 2003) sind Charakterisierungen, auf die im Biedermeier mit einer Flucht in die Innerlichkeit, im Vormärz mit Liberalismus reagiert wurde. Unterdessen wurden mit der Industrialisierung Entwicklungen begründet, die aus heutiger Sicht "die Menschheit in ihrer Existenz bedrohen" (Stephen Hawking 2016, 2018 in der BBC).

Mit dem Projekt wird aus Literatur und eigener Quellenforschung eine Milieudarstellung und Charakterzeichnung für den alten Landkreis Aachen und mithin früheste Industrieregion Deutschlands versucht. Ausgangspunkt ist das Elendsjahr "Achtzehnhundertunderfroren", 1816, das "Jahr ohne Sommer", von dem besonders notleidend die Eifel betroffen war, in dessen Folge aber auch z.B. skurrile Veränderungen im Tageslicht auftraten, die sich u.a. auf bildende Kunst und Mode auswirkten. Endpunkt ist das "unruhige Dreieck Stolberg, Verviers, Eupen" (Annemarie Haase, 2000) und die sich um 1850 verfestigte Industrialisierung.

Das Projekt habe ich im September 2018 gestartet. Arbeits- und Ansprechbasis hierfür habe ich im Arbeitskreis Geschichte Mausbach e.V. verortet. Der Verein sammelt "Memorabilien aus allen fünf Dörfern der ehemaligen Gemeinde Gressenich, d.h. den Orten Gressenich, Mausbach, Schevenhütte, Vicht und Werth". Die bis 1972 (Aachen-Gesetz) selbstständig bestehende Gemeinde Gressenich war flächenmäßig (41,32 qkm) die größte ihrer Art im alten Landkreises Aachen.

Pressefotografie 1933-1945

Fotogeschichte

Caritas in Stiefeln, Winterhilfswerk 1937/38 in Eschweiler
Caritas in Stiefeln, Winterhilfswerk 1937/38 in Eschweiler
Foto: Alfred Englaender, Archiv Eschweiler Geschichtsverein

Der Eschweiler Geschichtsverein (EGV) beherbergt an seiner Bildstelle eine umfangreiche, indes chaotische und hochgradig redundante Ansammlung von Fotos. Überwiegend handelt es sich um Reprografien, von denen so manche auch seitenverkehrt vorgenommen worden sind, und nicht selten kommen ungenaue oder ganz falsche Bildbeschreibungen vor.

Unter einigen Tausend Bildern finden sich jedoch auch einige Kleinbild-Filmstreifen mit 401 Negativen, die als historische Quellen in Betracht kommen. Es handelt sich um Nitrozellulose-Film mit Fotos von Alfred Englaender aus den Jahren 1934 bis 1938 und 1941. Die Streifen sind willkürlich abgelegt und pauschal mit "um 1935" datiert worden. Beim Zusammensetzen dieses Puzzles konnte ich aus dem Repro-Bestand der Bildstelle Filmfragmente ideal ergänzen, sodass nun, nochmals erweitert durch Zugänge aus privatem Fundus, eine geordnete Sammlung mit 560 Fotos greifbar ist. Dabei wurde leider deutlich, dass der ursprüngliche Bestand beim EGV einen größeren und sicherlich wesentlich größeren Umfang hatte. Nicht auszuschliessen ist, dass Teile dem Agfa-Fotohistorama beim Museum Ludwig in Köln zugegangen sind. Die dortige Englaender-Sammlung gilt jedoch auch nach letzter Auskunft der Kuratorin als verschollen.

Alfred Englaender, Sohn des Eschweiler Notars Emil Englaender, war Antisemit und dann auch Mitglied der Nazi-Partei. Von 1933 bis 1945 war er Lokalschriftleiter des Nazi-Pateiblatts "Westdeutscher Beobachter", von 1933 bis 1938 in Eschweiler, später in Köln. Sein Bruder Curt machte Karriere als Nazi-Stadthauptmann im besetzten Polen, was diesen nicht hinderte, in der BRD Präsident des Oberverwaltungsgerichts in Mainz zu werden. Alfred Englaender fand nach 1945 Anschluss bei der "Rhein-Zeitung Cochem". Dort waren die Franzosen Besatzungsmacht und nahmen es mit der Entnazifizierung weniger genau als Briten und Amerikaner. Peter Köpf hat das "Schreiben nach jeder Richtung" (1995) genannt.

Diese Biografie wird anderswo nicht deutlich. So heißt es 1999 im Katalog des Moyland-Museums zur Sammlung van der Grinten, S. 518, Englaender sei für den "Deutschen Beobachter" tätig gewesen. Den gab es tatsächlich – als gemäßigte Nazi-Zeitung für Auslandsdeutsche. Nur war unser Englaender in der angegebenen Zeit für das Hetzblatt "Westdeutscher Beobachter" in Deutschland tätig. Der EGV schließlich, der seinen Heimatkalender 1985 Alfred Englaender gewidmet hat, gibt darin an, derselbe sei bei der katholischen "Eschweiler Zeitung – Bote an der Inde" gewesen. Das ist mir aus dieser Zeitung jedoch nicht erkennbar, noch erschließt sich das.

Ziel des Projekts ist daher zum einen die sichere, unter den Kategorien der Nazi-Fotografie zu subsumierende Katalogisierung der Englaender-Fotos im EGV in einem Selekt. Zur Datierung und Beschreibung der Fotos habe ich u.a. rund 3.200 Zeitungsausgaben aus dem Zeitungsarchiv der Stadt Eschweiler gesichtet. Gegenstand der Untersuchung ist zum anderen die Rezeption in Eschweiler. Hierbei handelt es sich vornehmlich um die Fiktion der Heimatidylle. Die ideologisch überladenen Stimmungsbilder von Alfred Englaender mit Motiven aus Eschweiler sind in den Publikationen des EGV noch bis 2012 als Illustrationen zu Mundart und Heimatgefühl verwendet worden. Dabei ist auf den Entstehungshintergrund nicht hingewiesen worden, und es kommt nicht darauf an, ob Zusammenhänge gesehen oder übersehen worden sind. Denn in beiden Fällen läuft es auf eine Rezeption der Inhalte hinaus. Es ist daher auch zu untersuchen, was in Eschweiler Erinnerungskultur ist.

Zu Heft 31 der Schriftenreihe des Eschweiler Geschichtsvereins habe ich unter dem Titel Unheimliche Idylle; Die Fotosammlung Alfred Englaender und ihre Rezeption im Eschweiler Geschichtsverein eine Vorveröffentlichung über die bisherigen Ergebnisse des Projekts vorbereitet. Zeitnah soll der Katalog erscheinen, Auszüge daraus werden in der Bibliothek als Leseprobe vorliegen.

Oral History Archiv

Zeitgeschichte

In dem 2017 von mir begonnenen Projekt "Oral History Archiv" erfasse ich lebensgeschichtliche Er­zäh­lun­gen­/In­terviews in Audio- oder Video­mitschnitten. Anschließend werden die Dateien normalisiert, die Mit­schnitte transkribiert und mit Timecodes, Abstracts, bio­grafischen Annotationen sowie mit dazu bestimmten Fotos, Aufzeichnungen und anderen persönlichen Doku­menten aus dem Besitz oder Nachlass der Interviewten aufbereitet und archiviert.

Zurzeit enthält das Archiv Dateien zu den Jahren 1930 bis 1950 im dazu relativ quellenarmen Eschweiler. Die Interviewten kommen aus der Städteregion Aachen.

Die erste Auswertung des Interviewmaterials hat bereits Erfolg: Bisher war die Benennung der Täter, die für die Brandstiftung an der jüdischen Synagoge in Eschweiler in der "Reichskristallnacht" 1938 verantwortlich gewesen sind, nicht erfolgt und ihre Herkunft nur nebulös eingekreist worden. Aus der Erinnerung der Interviewten können diese jetzt genau benannt werden. Studientext: "Reichskristallnacht" 1938 in Eschweiler; Aufklärung einer Straftat

MPEG-Spektrogramm
MPEG-Spektrogramm,
Bild: Wikipedia Commons

Braunbuch Aachen-Land

Zeitgeschichte

Aufmarsch der "Deutschen Arbeitsfront", vermutl. zum Erntedankfest des Landkreises Aachen, das am 30. September 1934 in der Herman-Göring-Kaserne eröffnet worden war; Publikum grüßt die Fahne
Eschweiler marschiert, 1934
Foto: Alfred Englaender, Archiv Eschweiler Geschichtsverein
Das Braunbuch versucht eine Studie über Nazis und den Nazismus im Gebiet des ehemaligen Landkreises Aachen.

Zum einen ist es eine Materialsammlung, unter der zugleich die These aufgestellt wird, dass der Nazismus in der Region keine geringere Bedeutung als anderswo im Reich gehabt hat, sondern die PO. stärker heterarchisch als hierarchisch aufgestellt war. Zum andern wird der Diskurs zur "Ver­gangen­heits­bewältigung" in der Region untersucht.

Umweltgeschichte

Undisziplinierte Studien

Heutige Umweltprobleme stellen komplexe Zusammenhänge dar, zu deren Entschlüsselung alleine aktualistische und technische Betrachtungen zu kurz greifen. Hier ist auch die historische Forschung gefragt, um zur Erklärung dieser Zusammenhänge beizutragen und daraus für eine nachhaltigere Zukunft zu lernen. So dient die Historische Klimatologie, also die Erforschung von Vergleichsdaten (historische Wetter-, Witterungs- und Klimaabfolgen) nicht nur der Unterstützung der Geschichtswissenschaften im Hinblick auf soziale Folgen und Wechselwirkungen, sondern auch der Analyse von Extremen und Wiederholbarkeiten und damit der Beurteilung prognostizierter Klimaänderungen. Die ist heute auch auf lokaler Ebene von vitalem Interesse, liefern doch historisch-klimatologische und historisch-hydrologische Vergleichsdaten wichtige Informationen für die Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung – für die Bauleitplanung, die Straßen- und Straßenverkehrsplanung und nicht zuletzt für die Unterhaltung der Gewässer und die Planung von Entwässerung, sowie für Land- und Forstwirtschaft.

Dreifelderwirtschaft im LVR-Freilichtmuseum in Lindlar. Foto: Haro von Laufenberg
Dreifelderwirtschaft im LVR-Freilichtmuseum in Lindlar
Foto: eigenes Werk

Solcherart interdisziplinären, mithin "undisziplinierten" Studien ist das Projekt gewidmet. Ziel ist die Erzeugung eines historischen Geo-Informationssystems für das Gebiet der heutigen Stadt Eschweiler und näherer Randgebiete und die Darstellung dieses Raums in Zeitschichtenkarten, die umwelthistorische Relevanzen darstellen, etwa Klima, Hydrologie, Landschaftsnutzung. Die Quellensammlung konzentriert sich zunächst auf die Zeit der Agrar- und Forstreformen an der Wende zur Industrialisierung der Landschaft unter besonderer Berücksichtigung der Gemeinheitsteilungen bis zum Ende des Braunkohlebergbaus in Eschweiler. Daten zur Klimageschichte der Region sollen zudem im Tambora-Projekt der Universität Freiburg unter einem Digital Object Identifier (DOI) erfasst werden.

Allhierzu hatte ich eine Arbeitsgruppe im Eschweiler Geschichtsverein (EGV) Verein initiiert. Dies nicht ohne Mühe mit dem Vereinsvorstand, und entgegen beharrlich anderslautender Meldungen durch den EGV habe ich die "Leitung" dieser Arbeitsgruppe daher bereits im März 2018 abgegeben. Indes steht weiter im Raum, ob das Preisgeld aus dem RWE-indeland-Klimaschutzpreis 2016, den die AG Umweltgeschichte für den EGV im Mai 2017 für eben dieses Projekt gewonnen hat, für dasselbe auch verwendet wird.

Messer-Lexikon

Realienkunde / Lexikografie

Haintz Nar, dem "im Arsch das Schindermesser sticht", Illustration zu Kap. 6 "Das Narrenschiff" von Sebastian Brant
Haintz Nar, dem "im Arsch das Schin­der­messer sticht" – über Alter und altern, aus: Sebastian Brant (1494), Das Narrenschiff, Kap. 6; Abb.: Wikimedia Commons

In der Architektur der Sicherheitsgesellschaft wird einer der frühesten Artefakte der Menschheit, der über hundertausende Jahre gleichermaßen als sechster Finger des Menschen gegolten hat, zunehmend argwöhnisch betrachtet: das Messer. War es für die "Fünf Freunde" in den Kinderromanen von Enid Blyton noch selbstverständlich, ein Messer in der Tasche zu haben, so gibt es heute Trageverbote und die Tendenz geht weiter in Richtung Registrierung und Überwachung. Schon das Plastik-Messer im Micky-Maus-Heft 9/2018, das eventuell noch zum Pudding-Schneiden taugt, echauffiert die Polizei. In der Bilanz der ernsthaften Straftaten mit dem Messer dagegen steht das Küchenmesser in vorderster Front: Nahezu 90 % solcher Straftaten werden mit Küchenmessern verübt. Das wirft die Frage auf, ob hier nicht schon per se reguliert werden soll. Denn das Beisichführen eines Messers war seit jeher auch Ausdruck einer gewissen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.

Für mich ist das Anlass gewesen, einmal die Geschichte dieses Gebrauchsgegenstands und die Rolle, die er im Alltagsleben gespielt hat, näher zu untersuchen. Herausgekommen ist zunächst eine Zettelsammlung, die nun zu einem Lexikon von A wie "à jour" und "Aberglaube" bis Z wie "Zachel" und "Zwinge" zusammengeführt wird.

Das Lexikon beschreibt Messertypen, ihre Entwicklung und ihren Gebrauch über den Zeitraum vom ersten bekannten Fingerabdruck eines Menschen – im Birkenteer eines Messerhefts der Steinzeit – bis zum EDC, dem "Every-Day-Carry"-Messer unserer Tage, vom Werkzeug bis hin zum Accessoire, vom groben Mordmesser wie beim Mazzatello bis hin zum Mikrotommesser in Heilkunde und Wissenschaft. Es beschreibt Materialien für Klingen vom Silex bis zum modernen Stahlschlüssel einschließlich der Umschlüsselung internationaler Normierungen, für Hefte aus Bein und Holz bis zum Hi-Tech-Kunststoff. Das Lexikon beschreibt aber auch das Messer in der Erinnerungskultur, in der Semiotik, wie es weiter und noch in unsere heutige Sprache in Redewendungen und Sprichwörtern, aber auch in Aberglaube und Kunst eingegangen ist.

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