Haro von Laufenberg (2018):

Unheimliche Idylle

NS-Propaganda in Heimatbildern und die Rezeption in der Gegenwart

Die Bildung der Sammlung Englaender

Der EGV beherbergt an seiner Bildstelle eine zwar umfangreiche, allerdings auch hochgradig redundante Ansammlung von Fotos. Überwiegend handelt es sich um Reprografien, von denen so manche auch seitenverkehrt vorgenommen worden sind, und immer wieder kommen ungenaue, falsche und widersprüchliche oder gar keine Bildbeschreibungen sowie fehlende oder nicht nachvollziehbare Quellenangaben vor. Die Redundanz ergibt sich zum einen aus bald ins Philiströse abgleitender Knipserei und repoduzierten Aufnahmen der immer selben und adorabel dargestellten Lokal-Eliten wie z.B. die laienhaften Aufnahmen der Begräbnisstätte des ehemaligen Stadtdirektors und ersten Vorsitzenden des EGV. Zum andern ist problematisch, dass der Bestand alleine nach dem Pertinenzprinzip gebildet ist – insbesondere Sachbetreffe nach Ortsteilen – und Selekte nach dem Provenienzprinzip nicht vorkommen. Dadurch werden Registraturbildner vermischt, es kommt vielfach zu Dopplern mit dann widersprüchlichen Beschreibungen, und dies alles erschwert die Recherche ganz erheblich und lässt einen Überblick über den Bestand missen.

Im Katalog nicht enthalten und abgesondert in einem handelsüblichen Kunststoff-Ordner finden sich einige Kleinbild-Filmstreifen mit 401 Standbildern, die als historische Quellen in Betracht kommen. Die einzigen Sachangaben, die beim EGV zu den Filmen und Bildern selbst zu finden sind, bestehen in den pauschalen Notizen "Fotos von Alfred Englaender, 1930er-Jahre" und "1935 - 1938". Indes handelt es sich um Nitro­zellu­lose-Film mit Fotos von Alfred Englaender aus den Jahren 1934 bis 1941. Die Verifizierung gelang mir mit Hilfe der Praxis des auch für das Bundesarchiv tätigen Fotokonservators und -restau­rators Klaus Kramer (vgl. Kramer 2010) sowie zeitgenössischer Literatur wie z.B. zur Einführung des Agfa-Isopan-Films (Döring 1938) und durch die Identifizierung der Bildmotive. Dafür habe ich insbesondere rund 3.200 Ausgaben der im Eschweiler Stadtarchiv gesammelten Zeitungen durchgesehen, vor allem die des "Westdeutschen Beobachters" (Tageszeitung und Parteiorgan der NSDAP), und das Ergebnis bestätigte auch die angegebene Urheberschaft. Leider standen nur die verkleinerten und schwer erkennbaren, teils unleserlichen Faksimiles im EGV zur Verfügung, weil der bei der Stadtverwaltung zuständige EGV-Kollege Horst Schmidt mit Verweis auf diese besonders schlechten Kopien eine Einsicht in die Originale nicht gestattet hat. (Beim Benutzer ist daher eine gewisse Kopfschmerz-Resistenz und die Gabe zum Erschließen von Texten gefragt.)

Die Filme waren unsachgemäß gelagert, und dies nicht zuletzt, weil sie dem Sprengstoffgesetz unterliegen. Sie sind nach der Handwerkskunst in Streifen geschnitten, die in Steckhüllen eingeschoben sind. Auf den Steckhüllen ist mal für einen, mal für mehrere Streifen eine Signatur vermerkt. Abb. 1. Den Signaturen vorangestellt ist jeweils das Wort "aus", was den Schluss nahelegt, dass darunter weitere Bilder abgelegt wären. Dies ließ sich bisher jedoch nicht verifizieren. Alle Signaturen bestehen aus der Sigle "E" und einer nachfolgenden Ziffer. Diese Art der Signierung ist an der Bildstelle üblich: Die Sigle steht in der Regel für einen der Eschweiler Ortsteile oder eine Industrieanlage. "E" bezeichnet Eschweiler selber, "RWE" steht für Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk und meint Braunkohle-Tagebau und Braunkohle-Kraft­werk in Weisweiler und zugehöriges, "P" steht für Eschweiler-Pumpe, "St" für St. Jöris, usw. "V" dagegen bedeutet "Verschiedenes", worunter Bilder ungeachtet ihrer Provenienz registriert sind, die man einer Straße, einem Platz, einer Industrieanlage, einem Verein oder der lokalen Elite nicht zuzuordnen vermag. Zielführend ist auch das nicht, denn z.B. die Bilder V.34 und V.35 stehen nach Entstehung, Motiv und Bildautor in unmittelbarem Zusammenhang mit RWE.212 und RWE.219. Die Ziffern in den Signaturen sind fortlaufend und bedeuten die Folge des Bildeingangs beim EGV. Da die Sachbetreffe im Katalog weiter untergliedert sind, z.B. nach Straßennamen, dies in den Signaturen jedoch nicht abgebildet wird, kommt es auch zu einem Verlust von Überblick.

Die Signaturen der Filmstreifen sind allerdings weitergehend irreführend. Sie täuschen bloß eine Ordnung vor. Z.B. sind unter der Signatur "aus E.303" Aufnahmen des Bergparks Abb. 2 und von Schloss Wilhelmshöhe (noch mit Kuppel, Nr. 535) in Kassel versammelt. Weitaus problematischer ist, dass die Filmstreifen willkürlich, aus ihrem Zusammenhang gerissen und ohne eine erkennbare Ordnung zusammengesteckt und pauschal "1935 - 1938" datiert worden sind. Tatsächlich sind unter den 401 Standbildern sieben, die dem Jahr 1935 zugeordnet werden können. Andererseits sind Fotos, die zweifelsfrei im Jahr 1938 entstanden sind, mit solchen zusammengesteckt, die zweifelsfrei 1941 entstanden sind ("aus E.281"), 1936 mit 1938 ("aus E.289"), 1934 mit 1938 ("aus E.311") pp. Ein Sachzusammenhang ist dabei weder zu erkennen noch zu erschließen. Zudem wurden solche an der Filmkennung klar ersichtlich zusammenhängende Streifen ohne erkennbare Systematik voneinander getrennt. Z.B. sind aufeinanderfolgende Sequenzen aus demselben Isopan-F-Film mit "aus E.298" als auch mit "aus E.302" signiert. Andererseits sind Folgeaufnahmen, für die der Fotograf den Film wechselte, nicht erkannt worden, und so wird etwa ein Hauff mit "aus E.296" signiert, der danach eingelegte Zeiss mit "aus E.302".

Beim Zusammensetzen dieses Puzzles konnte ich aus dem Repro-Bestand der Bildstelle einige Sequenzen in Filmfragmenten ideal ergänzen. Z.B. Fotos vom WHW für die als Quelle ein H[ans] J[oachim] Pieters angegeben ist (E.3238, E.3225 und E.3231 in dieser richtigen Reihenfolge mit einem Filmstreifen "aus E.294"). Schließlich konnte ich aus dem Bildarchiv des EGV neun Bilder vermutlich und 523 sicher als aus der Hand von Alfred Englaender filtern. Armin Gille vom Eschweiler Geschichtsverein überließ mir aus seinem Fundus 19 von mir als authentisch befundene Abbildungen, darunter neun zeitgenössische Abzüge sowie ein Digitalisat. Bei dem Digitalisat handelt es sich offensichtlich um eine nachträglich manipulierte Aufnahme, in der die Hakenkreuze in den abgebildeten Flaggen unkenntlich gemacht worden sind. Aus drei Standbildern (negativ) habe ich das im "Westdeutschen Beobachter" veröffentlichte Panorama-Bild des Braunkohle-Tagebaus bei Hehlrath (Nr. 193 = WB 201,13) rekonstruiert, sodass nun eine geordnete Sammlung mit mehr 550 Fotos greifbar ist.

Dabei wurde leider deutlich, dass der ursprüngliche Bestand beim EGV einen größeren Umfang hatte. Auffällig ist zum einen das ominöse "aus" an den Signaturen (s.o.). Zum anderen beginnt die Nummerierung mit 271. Darauf folgt 281, dann 285 usw. und endet mit 311 nach 307. An der Bildstelle des EGV ist eine Notiz (vermutlich von Leo Braun) hinterlegt, in der es – kürzer und knapper als hier – heißt: die unter die Nummern 1 bis 324 subsumierten Filmstreifen seien abhanden gekommen, und tatsächlich sind die sonstigen Kleinbildnegative in Streifen gesammelt und beginnend mit 325 fortlaufend nummeriert. Dabei handelt es sich allerdings um Sicherheitsfilm, mithin um Negative von Repros. Eventuell gibt es im Dia-Bestand einige noch unentdeckte Kopien. Es gibt an der Bildstelle reichlich Kopien und der Dia-Bestand ist umfangreich. (Auf seiner Webseite gibt der EGV an, seine Bildstelle verfüge über "rund 30.000 Fotos, Dias und Postkarten" (Manthey 2018), bei Rhode-Enslin (2006) ist die Rede von "20.000 Objekten", was mir aber doch in beiden Fällen als um so einiges zu hoch gegriffen erscheint.) Diesen Bestand habe ich nicht geprüft, da ich nur über einen begrenzten Zeitraum Zugang zur Bildstelle hatte und Hans-Günter Becker, seinerzeit der neue "Herr der Bilder" im EGV, mir gegenüber ausgeschlossen hat, dass unter den Dias signifikant Englaender-Bilder zu finden wären.

Nicht auszuschließen ist dagegen, dass Teile des ursprünglichen Englaender-Bestands beim EGV dem Agfa Foto-Historama beim Museum Ludwig in Köln zugegangen sind. Die dortige Englaender-Sammlung (v. Dewitz/Tillmann 1996 S. 15. v. Dewitz 1997) gilt jedoch nach bisher letzter Auskunft der Kuratorin Miriam Halwani als verschollen (Halwani 2017). Der frühere EGV-Vorsitzende und jetzige Ehrenvorsitzende und seit jeher im EGV Leiter des Arbeitskreises 1 – Geschichtsquellen und Veröffentlichungen Simon Küpper hat mir indes mitgeteilt, dass Hanne O'Neill, Erbin nach Alfred Englaender, dem EGV die 401 Negative im Jahr 1992 – laut Notiz in der EGV-Bildstelle im Wege der Schenkung und über eine Frau Bongart vom EGV – überlassen habe, und diese eine vorhandene Sammlung beim EGV ergänzten (Küpper 2018). Ein weitergehendes Angebot von Frau O'Neill habe man jedoch zurückgewiesen, weil die Bilder nach Ansicht Küppers und des damaligen und langjährigen Bildarchivars Leo Braun keinen Bezug zu Eschweiler gehabt hätten (Küpper 2018). Tatsächlich hatte Frau O'Neill 1995 und 1996 dem Agfa Foto-Historama Englaender-Negative geschenkt, dies unter Bedingungen, die dem EGV einige Rechte an diesen Bildern einräumen (v. Dewitz 1997). Frau O'Neill ist bedauerlicherweise 2016 verstorben. Indes sind schon 95 der 401 Negative beim EGV im weitesten Sinne ohne Bezug zu Eschweiler, dafür aber zu Lübeck (Holsten-Tor), Kassel (s.o.), Hennef im Rhein-Sieg-Kreis (u.a. Personen, vermutl. in Sövern), zu Köln, zur Eifel und zu Heistern und Wenau Abb. 3 im Kreis Düren. Unter den Papierabzügen an der Bildstelle haben weitere Bezug zu Aachen (Körbergasse), Heistern (et Büüjeliese (kleines Haus, das in der Form an ein Bügeleisen erinnert), Wenauer Höfchen) und Inden (abgegangenes Haus Lützeler Abb. 4, Haus Merödgen – beim EGV ohne Beschreibung unter "Verschiedenes" signiert). Von den 532 aus der Bildstelle beim EGV gefilterten Aufnahmen ist mir zudem für 38 noch keine Ortsbestimmung gelungen. Mithin sind 140 von 532 Fotos des EGV mit dem Filter "Englaender", also mehr als ein Viertel des Bestands, ohne Bezug zu Eschweiler. Ferner hatte Frau O‛Neill den EGV bereits spätestens 1984 anlässlich der Erstellung des EGV-Heimatkalenders 1985 mit Englaender-Bildern versorgt (EGV 1984 1v).

Abgesehen von diesem Durcheinander sind etliche Englaender-Bilder an der Bildstelle schlichtweg falsch beschrieben (die Negative gar nicht bzw. nur pauschal datiert, s.o.), Papierabzüge sind teils falsch reproduziert und so rezipiert worden. Beispiel: Bei Viehöver (2002 S. 124 = E.3257) wird ein Foto der üblichen NS-Aufmärsche in Eschweiler wie in der Bildstelle seitenverkehrt abgebildet: die Hakenkreuze drehen falsch herum und schon die auf dem Bild sichtbare Bierreklame wird in Spiegelschrift dargestellt. Es gibt aber nicht nur falsch drehende Hakenkreuze zu sehen. Z.B sind mit St.2 der Straßenzug in St. Jöris und mit St.61 die Klosteranlage in St. Jöris seitenverkehrt abgebildet. E.1668 mit einer Abbildung des "Gläsernen Zugs" am Eschweiler Hauptbahnhof wird an der Bildstelle auf 1939, Rö.371 mit Rohbauten an der Vulligstraße auf "um 1950/60" datiert. Tatsächlich musste der "Gläserne", ein seinerzeit fast neuester Aussichtswagen der Reichsbahn, bereits am 18. Mai 1937 bei Regenwetter und wohl mit Tempo 70 den Hauptbahnhof in Richtung Monschau passiert haben und sogar die Uhrzeit ist auf dem Bild erkennbar: 9h56 Ortszeit Abb. 5. Das Bild wurde nämlich am 19. Mai 1937 im "Westdeutschen Beobachter" veröffentlicht (WB 136,13). Im Juni 1936 hatte der Zeitungsreporter den Zug wohl verpasst (WB 174,12), halten tat der 23 Meter lange, 120 km/h schnelle "Gläserne" in Eschweiler ohnehin nicht. Das Foto von der Vulligstraße ist auch nicht um 1950 oder 1960 entstanden. Es zeigt vielmehr den Bau von "Volkswohnungen" durch die DAF und wurde am 4. Februar 1938 publiziert Abb. 6 (WB 33,14). Im EGV-Heimatkalender 1985 ist dasselbe Bild als Novemberbild 2 zwar richtig in die Nazi-Zeit eingeordnet, aber pauschal datiert und nicht unter das DAF-Programm subsumiert worden. In einem anderen Bild, das mir leider nur als fremder und als besonders schlechter Scann vorliegt, sind die Hakenkreuze in den Flaggen an den Häusern der Marienstraße zur Unkenntlichkeit manipuliert. Simon Küpper teilte mit, dass Leo Braun in einem anderen Bild das Hakenkreuz wegretuschiert habe (Küpper 2018).

Schließlich noch zu einem Standbild aus dem Filmstreifen "aus E.291": Das Kirmes-Foto wurde als "Archivbild" des EGV auf Spiegel-online am 28. Juni 2009 zu dem Artikel "Währungsreform. Ein Meister im Prassen" veröffentlicht (Keuter 2009, 2017 noch Titelbild, dann Bild 4 der Fotostrecke), suggeriert also eine Entstehung in der Nachkriegszeit. Wer auf diesem Bild vermeintlich als Polizist lustig eine Runde auf dem Karussell fährt, entpuppt sich bei genauem Hinsehen auf die Uniformeffekten als Flieger der Luftwaffe mit weißer Sommermütze: Dienstgrad Flieger, fliegendes Personal Abb. 7. Das Bild wurde ohne Legende am 4. Oktober 1937 zu einem Bild-Bericht über die Eschweiler Kirmes veröffentlicht (WB 274,13).

Es wird sich nun damit abzufinden sein, dass ein großer Bestand an Fotos von Alfred Englaender aus der Nazi-Zeit in der EGV-Bildstelle aus welchen Gründen auch immer untergegangen ist. Vielleicht tauchen die Bilder aus Köln wieder auf; Miriam Halwani hat mir zugesagt, danach zu suchen. Weitere Englaender-Fotos sind in der Sammlung Hans van der Grinten im Moyland-Museum enthalten (Haug 1999).

Im Hinblick auf das Chaos, die Fehler und die überwiegend inhaltlich und technisch mindere Qualität der Fotos an der Bildstelle des EGV wird man dort noch so einiges zu tun haben. Dies nicht zuletzt, wenn man vom Keller unter dem Rathaus von der öffentlichen Hand subventioniert mit "20.000 Archivalen" in das "Haus der Geschichte und Kultur" (ZVA 2018) umziehen will. Ich habe daher Anfang 2017 im Verein vorgeschlagen, zumindest Selekte aus dem lokalhistorisch wertvollen und dem gehaltvollen Bestand (Fotos von Tony Paar, Harro Schultz u.a.) zu bilden und dazu eine Katalogreihe herauszugeben. Die Idee hat keinen Anklang gefunden.

So bleibt es also zunächst nur bei der von mir erstellten Sammlung Alfred Englaender. Die darin enthaltenen Bilder sind von mir chronologisch geordnet und inhaltlich detailliert worden. Sie sind in einem digitalen Katalog (Bildformat TIFF, Metadaten) verfügbar. Alle meine Scanns sowie alle von mir bearbeiteten Bilder sind für die Druckvorstufe (Qualitätsdruck, i.d.R. bis 30 cm) geeignet. Bei einigen der anderweitig gefertigten Repros der Negative kam es zu Wellen im Bild, die bei Kontrastverstärkung sichtbar werden und typischerweise bei Planlage zwischen zwei Medien anstatt des Aufspannens in einem Rahmen entstehen.

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